Lesestoff gefällig? Kostenlose Downloads und vieles mehr...Lesestoff gefällig?

Über F.W.G. Transchel

F.W.G. Transchel ist ein in Hannover lebender Physiker, dem die Gegenwart der Technologie bei allen heutigen Möglichkeiten noch nicht spannend genug ist. Immer in der Zukunft liegen seine Gedanken über Technologie, Gesellschaft und die immer wieder gestörte Synthese davon.

Die von ihm bedienten Genres bewegen sich gewöhnlich zwischen Science-Fiction und ihren Abstufungen in Dystopie oder Thriller.

Übersicht aller veröffentlichen Werke

Was ich sehe

»Was sehen Sie?«, fragt er und legt mir ein vollständig schwarzes Blatt Papier hin.

Ich erkenne den Pferdekopfnebel im Schlaf. Purpur und Aquamarin treten aus dem Schwarz heraus und verbreiten ihre eigene Ästhetik inmitten der Unendlichkeit. Eine der berechtigterweise ikonischsten Photographien der Kosmologie.

Den Stift im Anschlag mustert er mich. Scheint jede noch so winzige Wesensregung aufnehmen zu wollen. Noch habe ich keine Worte für das, was ich sehe. Fahre andächtig mit den Fingern über das Papier, als könnten sie sichtbar machen, was dahinter verborgen liegt und doch vor meinem inneren Auge Konturen anzunehmen beginnt.

»Ich sehe«, sage ich, »Neid und Missgunst, Hass und Verrat.«

Keine Reaktion.

»Krieg und Frieden«, fahre ich fort, »Aufstieg und Fall ganzer Zivilisationen, Schicksale, Leidenschaft. Liebe inmitten der Sterne.«

Ein winziges Zucken der Augenbraue, ein kleines Kratzen des Stiftes über das Papier. Aufmerksam starrt er mich an. Geradezu voyeuristisch suchen seine Augen das Papier nach Spuren der von mir geschilderten Schlachten ab.

Ich kann sehen, dass er sie nicht findet.

»Um die Monde von Nibia«, wispere ich. »Explosionen, Tapferkeit, Aufopferung.«

Nichts.

»Der Procyonische Nebel«, beteuere ich weiter, »hier… und dort der Antares-Mahlstrom. Die glänzenden Türme von Psi Serpentis IV, die bis in den Himmel reichen, erschaffen von Wesen so mächtig, dass ihre Weisheit uns zu Stein werden ließe, würden wir versuchen, sie uns anzumaßen.«

Falten sehe ich, tiefe tektonische Gräben. Auf seiner Stirn bildet sich ein pyroklastisches Gebirge aus Zweifeln und Verzweiflung.

Mit einer Mischung aus Argwohn und empathischer Enttäuschung setzt er durch seine Feder ein paar leere Worte auf’s Papier.

»Was sehen Sie?«, frage ich.

Seine Augen blicken auf. Vom Papier zu mir und wieder zurück.

Ich sehe, wie sein Hals sich zuschnürt. Er will nicht antworten, doch die unbestechliche Natur seiner Profession flüstert ihm ein, was er sieht und weiß und nicht für sich behalten kann. Sein Gesicht ganz fahl geworden, flüsterte er mit zitternder Stimme:

»Schwere halluzinatorische Futuritis.«

Ausdruckslos starrt er mich jetzt an.

Ich sage nichts.

»Unheilbar«, fügt er fast unhörbar leise hinzu.

Da ist noch mehr.

Ich sehe seine Lippenbewegung, erahne seine Worte, doch ihr Klang erreicht mich nicht. Unsichtbar stehen einen Moment lang die Wörter zwischen uns, dann verschwimmt seine Silhouette und zerplatzt über dem schweren Schreibtisch wie eine Seifenblase im Herbstwind.

Alles dreht sich.

Vor mir: Sterne.

In einem großen Fenster, nein, Bildschirm.

Blinkende, fiepende Technologie überall. Ich blicke hinunter auf das Blatt in meiner Hand.

»Welcher Kurs, Captain?«

Ich fahre herum.

Aufmerksam mustert mich ein Uniformierter. Ich kenne ihn nicht, doch wohl seinen Ausdruck.

»Welchen Kurs soll ich setzen?«

Weiter blicke ich mich um.

Mehr erwartungsvolle Gesichter.

»Captain?!«

Ich lächle.

»Zweiter Stern von rechts«, sage ich und spüre ungeahnte Zufriedenheit in meiner Brust. »Bis zum Morgengrauen.«

Als die Beschleunigung das Deck erzittern lässt, lasse ich das Papier fallen. Mehr aus Unachtsamkeit, denn vor Überraschung.

Doch als ich es auf dem Boden liegen sehe, erschaudere ich.

Makelloses Weiß strahlt mir entgegen. Es ist leer.